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Marlin-Monolog

Ich bin als Mensch nicht mehr als ein Marlin. 

Unter mir: grobe Sedimente, seit Urzeiten die Basis unserer Existenz schaffend. 
In mir: das geistliche Gesetz. 
Über mir: kalte, dunkle Wellen. 
Und darüber: der bestirnte Himmel, den es zu erreichen gilt. 

Wie einer der Sterne dieses bestirnten Himmels, den es zu erreichen gilt, schimmern die Köder, die man durch kalte, dunkle Wellen nach uns auswirft. Sie durchbrechen die Wasseroberfläche. Ein herabfallender Stern als Tropfen im Ozean. 
Nach einem letzten Abstoßen vom Meeresboden der Tatsachen, der seit Urzeiten die Basis unserer Existenz schafft, gleiten wir durch kalte, dunkle Wellen in Richtung des Köders. In der Sonne, unter der Wasseroberfläche, trägt er den Schimmer des bestirnten Himmels, den es zu erreichen gilt. 
Wir beißen an. 
In uns: kein geistliches Gesetz mehr – dafür ein tödlicher Köder. Unser Widerstand widersteht den Widerhaken nicht. Man hat uns an der Angel. Dass unsere Kiemen der rauen Meeresbrise nicht standhalten, bemerken wir erst, wenn wir schon in der Luft hängen. 
Bevor man uns jedoch ausnimmt, macht man uns zur Quote: man misst uns. Man wiegt uns. Man hängt uns auf und stellt uns zur Schau. Man brüstet sich mit uns, wie mit einem Marlin am Hafen von Key West. 
Schlussendlich landen wir auf dem Teller, ohne jemals über dessen Rand geschaut zu haben. 

Weit weg von uns die groben Sedimente, seit Urzeiten die Basis unserer Existenz schaffend. Weit weg von uns die kalten, Dunklen Wellen. Der bestirnte Himmel unerreichbar. 

Worauf wir hoffen können: das geistliche Gesetz. 
Was feststeht: Man ist als Mensch nicht mehr als ein Marlin. 

Anika Würz