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Alien

Du bist ein Alien aus einer fernen Galaxie, in der Menschen mehr wert sind als jedes Geld. 
Eines Tages bekommst du das Angebot, eine Forschungsreise zum Planeten Erde anzutreten. Die zentrale Fragestellung deiner Forschungen sei: „Was ist der Sinn menschlichen Lebens?“
Du nimmst den Vorschlag an und begibst dich auf die weite Reise. Nach neun Monaten erblickst du das Licht des Planeten Erde zum ersten Mal. Du wirst herzenswarm empfangen und willkommen geheißen. Bald beginnt man dir Möglichkeiten zur Kommunikation und Mobilität zu zeigen: Sprechen und Laufen. Man gibt dir Freiraum und Grenzen gleichermaßen. Nach einigen Jahren der Integration beginnt man,dir zu vertrauen. Dir, dem fremden Alien aus einer anderen Galaxie. Sobald man dir vertraut, erlegt man dir auch Pflichten auf. Du lernst das Geben und Nehmen kennen, das Helfen und Handeln, das Denken und Glauben, aber auch Ver- und Gebote. Man nährt dich und man lehrt dich. Doch es wird ein Punkt kommen, an dem man von dir erwartet, dich selbst zu nähren und andere zu lehren. An diesem Punkt kommt das Geld ins Spiel. 
Du wirst unter dem Deckmantel der Losung: „Tu etwas für die Gesellschaft“ arbeiten gehen und Steuern zahlen – was kein Unding ist. Doch du wirst auf dem Rückweg von deiner Arbeit in dein obligatorisches Haus mit deinem obligatorischen Ehepartner, eine Reklame für eine weltweit vertretene Kaffeehauskette sehen, die ihre Kaffeebauern unterbezahlt. Du wirst im Radio von einer Fast-Food-Kette bezirzt, die Tiere in Massenhaltung mit Medikamenten vollpumpt, bevor sie sie als Burger serviert. Du wirst magersüchtige Frauen mit weißen, von Kindern in Fernost genähten, Sommerkleidern im Frisörsalon sehen, während du daran vorbeifährst und die Emissionen deines Leasing-Wagens dem Radfahrer hinter dir dreißig Jahre später Lungenkrebs geben.
Nach einiger Zeit dieses Daseins wirst du dich wie ausgewrungen fühlen. Du wirst nicht einmal wissen warum, denn eigentlich hast du ja nichts falsch gemacht: du hast ja ein Haus und einen Garten, einen Ehering und einen Kinderwunsch, einen Job und einen Wagen, ein BILLY-Regal und ein veganes Kochbuch. Du warst joggen im Park, du hast gefastet, sonntags immer die Kirche besucht und abends Tatort geschaut. Und zwischendurch hast du deine Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens völlig vergessen.
Sobald dir dies auffällt, greifst du ein Bier aus deinem Kühlschrank – und noch eines und eine Zigarette. Du denkst nach und suchst den Grund und all den Sinn des Ganzen. Du überlegst genauer und versuchst den Übeltäter zu finden. Was hat dich in diese Lage gebracht? Warum ist dir dein Haus und dein BILLY-Regal wichtiger, als das Ozonloch? Warum weißt du, wie viele Kassen das Fast Food Restaurant in der Innenstadt hat, aber kennst den Vornamen deines Nachbarn nicht?
Du entscheidest, alles hinter dir zu lassen. Alles, bis auf deine Regenjacke und eine Flasche Wasser. Und du verlässt das Haus. Du fährst schwarz Bahn – erst zum Hauptbahnhof, dann in die nächste Stadt, dann trampst du zum nächsten Autobahnkreuz und von dort aus ins Nachbarland. Du fährst auf Ladeflächen von LKWs mit, findest Essen, dass an jeder Ecke achtlos weggeworfen wird und lernst Menschen kennen. Jeden Tag. 
Du erzählst deine Geschichte und sie ihre, dann laden sie dich auf einen Kaffee ein, oder manchmal auch ein Bier. Jeden Abend sitzt du an Tischen und ziehst Energie aus Gesprächen und Geschichten. Geschichten von Italienerinnen, die Hotelteppiche stehlen, von griechischen Anglern mit Gesichtstätowierungen, kanadischen Skateboardern mit Rededrang und irischen DJs mit ungewaschenen Bettlaken. 
Du wirst merken, dass all diese Menschen am Abgrund tanzen – so wie du auch. Dass all diese Menschen so viel sahen, hörten, fühlten, lebten – wie du auch. 
Dass sie genauso wie du geformt wurden und sich doch selbst formten. Um nicht konform zu sein, sondern human. 
Und wenn du dies weißt und erlebt und gefühlt hast, kannst du zurückkehren. Nicht in dein Haus mit deinem Ehepartner, sondern in deine Galaxie, in der Menschen mehr wert sind als Geld. Denn du hast die Antwort auf die zentrale Frage deiner Forschungsreise erhalten, Alien.

Anika Würz