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Von einer unbeholfenen Helfenden

Matilda erwachte 05:47 Uhr – wie jeden Morgen, denn sie hatte noch viel zu tun – wie jeden Morgen. Schnell zog sie sich an, frühstückte, schnappte ihren roten Rucksack und eilte los.
Fröhlich tänzelte sie in ihrem gelben Sommerkleid die Kopfsteinpflastergassen der Innenstadt entlang. Sie freute sich, wie jeden Morgen, die erste und einzige Person auf den Straßen der noch schlafenden Kleinstadt zu sein. Matilda hüpfte vom Bordstein und sah auf die messingüberzogenen Buchstaben an der Häuserwand vor ihr: Bakery A.M. Johnson since 1884. Mr. Johnson, der die vierte Generation des Bäckereibetriebes darstellte, war auch schon wach und arbeitsam. Er öffnete gerade das Fenster, neben dem Matilda sich an die grobe Verputzung des Gebäudes lehnte. Sie kannte die Prozedur genau. Mr. Johnson würde sogleich einen Korb mit frischen Scones auf den inneren Fenstersims dieses offenen Fensters stellen, da der Platz auf den Tischen der Backstube zu eng wird. Wie aufs Stichwort tat Mr. Johnson dies auch und sogleich holte Matilda ein Stück Stoff aus ihrem roten Rucksack, um den Korb mit der Backware vor den diebischen Spatzen zu schützen – wie jeden Morgen.
Sie lief weiter und bog über eine kleine Brücke. Sie setzte sich an den Rand, sodass ihre Beine im kühlen Flusswasser baumelten und verfütterte einen halben Scone, 
den sie mitgehen ließ, an eine Entenfamilie. Nach kurzer Zeit stand sie auf und ging zu einem Fahrrad, das achtlos am  halbhohen Brückengeländer lehnte. Es gehörte Lola McEarnshaw, einem jungen Mädchen, das jeden Tag zu ihrer Großmutter fahren musste, um den morgendlichen Pflegedienst mehr oder weniger freiwillig zu übernehmen. Matilda wusste, dass Lola nie ein Fahrradschloss dabei hatte und so griff sie in ihren roten Rucksack, holte ein Schloss heraus und schloss das Rad diebstahlsicher an – wie jeden Morgen.
Die Sonne war nun schon ein beachtliches Stück am blauen Himmel weitergezogen, als Matilda am äußeren Ring der Kleinstadt ankam. Sie betrat das “Ruby’s”, ein weniger gutes Lokal, das Ruby, eine ehemalige Mitschülerin von ihr leitete. Matilda bestellte sich ein Ginger Ale und begann ein Buch zu lesen. Um 13:45 Uhr gingen die Kirchturmglocken und Ruby verschwand vom Tresen. Matilda blieb jetzt noch genau eine halbe Stunde. Nachdem diese vergangen war, lief sie die Treppe neben der Theke hinunter und verschwand in der Damentoilette. Dort sah sie in den Spiegel, fuhr sich durch die Haare und nahm eine rote Spange heraus. Sie lächelte ebenso strahlend wie ihr gelbes Kleid, bis sie jemanden die Treppe hinaufsteigen hörte. Matilda kam aus der Damentoilette und näherte sich Rubys Arbeitszimmer. Mit der Spange öffnete sie das alte Schloss und trat ein. Leise schlich sie zu den Aktenordnern und öffnete die Abrechnung für den gestrigen Tag, die Ruby soeben fertig geschrieben hatte. Matilda hatte Rechnungswesen studiert, Ruby nicht, wie sie jeden Tag aufs Neue merkte. In Windeseile beseitigte sie die auffälligen Falschabrechnungen im Rechnungsbuch, damit das Finanzamt Ruby nicht drankriegen würde. Matilda konnte das kleine Pub wirklich gut leiden und wusste, dass es um die Betreiberin finanziell nicht gut bestellt war. Sie zog die Tür zu, ging die Treppe wieder hinauf, trat zur Theke und bezahlte mit entsprechendem Trinkgeld. Gut gelaunt verließ sie die Bar – wie jeden Tag.
Auf dem Rückweg verfütterte Matilda
 den anderen halben Scone an die Enten und schloss das Fahrrad wieder ab. Danach lief sie die Gassen hinunter bis sie am Bäcker Johnson ankam. Dort nahm sie ihr Stofftuch von den Scones, bevor Mr. Johnson das Fenster wieder schloss – wie jeden Tag.
Kurz bevor ihre tägliche Routine abgeschlossen war, machte Matilda an diesem Tag etwas anders als sonst. Im Gegensatz zu jedem anderen Tag ging Matilda an diesem nicht nach Hause.

Es war 08:47 Uhr, als ich in der Schlange bei Mr. Johnson stand, in der die etwas betagteren Frauen unserer Kleinstadt ihren täglichen Morgen-Tratsch ausdiskutierten. “Hast du schon gehört, Maggie? Die Matilda ist tot!” “Matilda? Matilda mit den seltsamen Kleidern? Die jeden Tag zur selben Zeit an demselben Orten gesichtet wird?” “Ja, ja, genau die. Seltsames Gör, die hatte doch einen an der Klatsche. Nie hat sie geredet und hat jeden Tag dasselbe gemacht…”, schaltete sich eine dritte Seniorin ein. “Ich habe sie jeden Tag bei Ruby’s mit einem Buch sitzen sehen. Aber mit Ruby brauchen wir ja eh gar nicht erst anfangen, hat sie doch unser Geld immer nur in ihre eigene Tasche wandern lassen…” Das Gespräch konzentrierte sich wieder auf Matildas Ableben: “Ich denke, es war Mord. Meinst du nicht auch, Maggie?” ,meldete sich die erste wieder zu Wort. “Kann schon sein, es wird immer krimineller, sogar in unserer friedlichen Kleinstadt. Habt ihr schon gehört, dass der Kleinen von den McEarnshaws das Rad gestohlen wurde?” Bevor jemand antworten konnte, unterbrach Mr. Johnson die buchstäblich alten Freundinnen: “Was darf es sein, Maggie?” “Drei Scones, wie immer”. Mr. Johnson sah sie entschuldigend an: ”Tut mir leid, die Spatzen haben sie mir schon wieder angeknabbert. Diese lästigen Biester!” “Seit drei Tagen passiert Ihnen das schon, Mr. Johnson. Wo haben Sie nur Ihren Kopf?” 
Die drei Damen verließen kurze Zeit später tratschend die Bäckerei, wenn auch ohne Scones. Sie riefen Mr. Johnson ein fröhliches: “Auf Wiedersehen!” hinterher. Wie jeden Tag.