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McGuffin

Eines lauen Sommertages kam ich erst spät am Abend nach Hause und wollte mich umgehend ins Bett begeben. Ich durchschritt mein Zimmer und bemerkte die stickige Luft, die sich über den Tag durch die Sonne, die stets durch meine halbdurchlässige Jalousie schien, angesammelt hatte. So geschah es, dass ich auf dem Weg zu meinem Schlafplatz mein Fenster nach oben aufschob. Ich hielt meinen Kopf hinaus, atmete die frische Nachtluft und sah nach oben, Richtung Dachfirst in den sternenklaren Himmel. 
Ich senkte meinen Kopf wieder und spähte über den Hof in ein beleuchtetes Zimmer des Nachbarhauses. 
Ein junger Mann lief ruhelos durch den kleinen Raum. Nach etwa zwei Minuten stellte er sich dann vor eine dunkle Eichenholzkommode und sah auf eine kleine Schatulle hinab, öffnete diese und sah hinein. Dann schloss er sie einige Zeit später wieder, knipste das Licht aus und verließ das Zimmer. Er hatte nichts hinein getan und auch nichts herausgenommen. Er schaute einfach nur in das kleine Kästchen.
Am nächsten Abend konnte ich nicht schlafen und entschied mich dazu, mein Fenster aufzuschieben, mich beine-baumelnd auf den Sims zu setzen und das Nachbarhaus anzustarren. Auch an diesem Abend sah ich den Mann in die Schatulle schauen.
Und auch an den folgenden Abenden beobachtete ich die immer gleiche Szenerie, wochenlang. 
Ich weiß nicht, den wievielten Abend ich nun im Fenster saß, aber der Herbst hatte schon Einzug gehalten, als ich beobachtete, wie der junge Mann aus der Tür kam und einige Koffer in sein Auto lud. Danach schloss er die Haustür ab, legte seinen Schlüssel auffällig unauffällig unter die Kokosmatte und fuhr los.
In der nächsten Nacht öffnete ich wieder mein Fenster, setzte mich aber nicht auf den Sims, sondern kletterte vollends hinaus. Ich schlich über den Hof, das nasse Gras strich um meine Beine.
Am Nachbarhaus angekommen schaute ich mich um. Vor der Haustür stand ein großer Knallerbsenstrauch. Ich hob die Kokosmatte an, eine Spinne rannte über meine Hand. Der Schlüssel, der darunter lag, passte selbstverständlich, ich betrat das Haus.
Das erste, was ich in dem gedrungenen Flur sah, war eine lange Tafel, über und über belegt mit Zeitungsausschnitten. Bei genauerer Betrachtung fiel mir auf, dass es sich bei allen Texten um fehlerhaft recherchierte Lokalzeitungsartikel und die dazugehörigen Richtigstellungen handelte. Die Sammlung muss Jahre gedauert haben. 
Auf der anderen Seite des Flures befand sich ein rostrotes Klavier. Nicht nur, dass ich noch nie ein rostrotes Klavier gesehen hatte, nein. Als ich die Klappe des Instrumentes öffnete, um ein wenig zu klimpern, bot sich mir ein seltsamer Anblick. Das Klavier war ohne Innenleben. Statt Tasten war ein Hohlraum unter der Klappe zu finden und darin wurden Werkzeuge und Alltäglichkeiten verstaut.
Einige Kuriositäten später fand ich das Zimmer mit der Schatulle. Smaragdgrün und mit goldenen Scharnieren stand sie nun vor mir und ich sah auf sie hinab, wie es der Mann jeden Abend getan hatte. Während ich so dastand, war ich neugierig wie noch nie, was sich wohl in der Schatulle befand und aus genau diesem Grund machte ich kehrt, verließ das Haus und ging über den Hof zurück. Das nasse Gras strich um meine Beine.
Auch am nächsten Abend brach ich, bewaffnet mit einer schummrigen Taschenlampe, zu Hause aus und im Nachbarshaus ein. Ich durchschritt wieder den Flur und bog dieses Mal nach links ein, woraufhin ich in einem küchen-ähnlichen Raum landete. Mir gegenüber bot sich etwas Erstaunliches. Die Wand, vor der ich mich befand, war zwar ohne Tapete und grauer, grober Putz bildete ihre Oberfläche, doch war sie übersät von hunderten handgroßen Strohsternen. 
Die Sterne in den oberen Reihen waren teils etwas asymmetrisch und auch die Art der Faltung war simpel, wohingegen die unteren Bastelarbeiten sehr professionell und kompliziert aussahen. An manchen der Strohsterne hingen kleine Zettelchen. Darauf standen Daten oder Orte oder Namen. Ich stellte mich auf einen Stuhl und nahm einen Stern aus der Mitte heraus ab. Ich verstaute ihn in meiner Hosentasche und ging wieder in das Zimmer mit der Schatulle.
Auch an diesem Tag stand ich nur davor und sah nicht hinein.
Ich ging über den Hof zurück und das nasse Gras strich um meine Beine.
In der folgenden Nacht machte ich vor der Tür Halt. Ich nahm mir eine Handvoll Knallerbsen und streute sie um die Kokosmatte. Nach und nach zertrat ich jede der weißen Beeren einzeln und lauschte dem Ploppen, dass die Zerstörten Früchte von sich gaben. 
Danach ging ich hinein. Hinter der Küche befand sich ein sehr dunkler Raum ohne Fenster. Ich suchte eine Weile bis ich den Lichtschalter fand und war umso verblüffter, dass sich gerade in diesem fensterlosen Raum ein Wintergarten zu befinden schien. Das Zimmer war von oben bis unten grün. Ranken kletterten die Wände hinauf und hinunter, Kräuter standen in unzähligen Tonkrügen auf dem Boden und Pflanzenampeln hingen zu mehreren von der Decke. 
Bemerkenswert war die Wahl der Pflanzen. Es waren unzählig viele verschiedene, doch keine, keine Pflanze in diesem Raum hatte Blüten oder war gar bunt. Nur Grünpflanzen zierten diesen verwunderlichen Wintergarten. Als ich den Blick endlich von der Vielfalt an Grüntönen abwenden konnte, drehte ich mich um, aber ließ das Licht an. Wenn sie schon kein Fenster hatten, so wollte ich den Pflanzen wenigstens ein bisschen beim Wachsen helfen, solange ihr Besitzer nicht da war. Nun schloss ich die Tür leise und schlich weiter durch das Gebäude.
Letztendlich betrat ich das Zimmer mit der Schatulle. Minutenlang stand ich vor dem Objekt meiner Begierde, starrte die satte grüne Farbe des Holzes an und strich über die reliefartigen Goldverzierungen und das Scharnier an der Seite. Wenn ich sie heute öffnen würde, wäre es vorbei. Ich hätte sie geöffnet und würde dieses Haus nie wieder betreten. Die Mission wäre abgeschlossen und das Rätsel gelöst.
Ich tat es trotzdem. Ich öffnete die Schatulle und sah endlich hinein.