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Erinnerungsstücke  – so der Titel der gemeinsamen Lesung der Schreibwerkstatt mit Friedrich Schorlemmer, dem bekannten Theologen und Ehrenbürger Wittenbergs am 5.Dezember 2017 im Malsaal Cranach-Stiftung

Es knistert vor Anspannung im Saal. Aufgeregt wuseln die Akteure der Schreibwerkstatt hin und her – für einige der Schreiber ist es das erste Mal, dass sie heute ihre Texte einem interessierten und aufmerksamen Publikum darbieten dürfen. Und noch dazu soll es ein Gedankenaustausch der besonderen Art werden – mit einem erfahrenen Publizisten und einem, der sich mit Literatur auskennt, an ihrer Seite.

Kein Problem für die Neueinsteiger – von Anfang an ziehen sie ihre Zuhörer in ihren Bann. Alle Texte sind ehrliche Bekenntnisse der jungen Generation. Dass sie sich tiefsinnige Gedanken über ihre Zeit und die Welt, in der sie leben, machen, ist in jeder zu Papier gebrachten Zeile spürbar. Die Welt scheint nur äußerlich betrachtet intakt: zu viel Neid, Hass, Leid und Streit. Hier müssen Kinder an die Macht! Diese Schlussfolgerung entlockt einem Begeisterten aus dem Publikum ein lautes „Bravo“!

Aber nicht nur tiefsinnig geht es zu. Auch Humorvolles kommt zum Ausdruck, wenn die Frühaufsteher mit ihrem Wecker schelten, der Vater das „süchtig machende“ Handy heimlich klaut oder der Lehrer vier furchtbare Wörter ausspricht: „Ich beende den Unterricht“!

Friedrich Schorlemmer möchte in seinem Part der Lesung die jungen Schreiber an eine Generation von Autoren erinnern, die in Zeiten der Diktatur lebte und nur in Metaphern versteckte Kritik äußern durfte. Er rezitiert u.a. Gedichte von Erich Fried, Reiner Kunze, Bertolt Brecht und hebt besonders die politische Botschaft dieser lyrischen Werke hervor.

Nachdenklich, träumerisch, aufbrausend – klangvoll wird die Stimmung des Abends am Klavier eingefangen und von Jasmin Weinigel in beeindruckender Weise musikalisch dargeboten. Einaudi, der persönlicher Lieblingskomponist der ehemaligen Schülerin unseres Gymnasiums, lässt Erinnerungen an frühere Lesungen dieser Art aufkommen.

Die Akteure mögen sich ändern, aber Talente gibt es zu allen Zeiten, wie der heutige Abend wunderbar zum Ausdruck bringt.