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Unsere Welt

Wir haben fast alles. Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, haben uns entwickelt von Tier zu Mensch, haben Religionen gegründet und Krankheiten ausgerottet. Wir haben Kriege geführt, unsere Geschichte geschrieben und dennoch kaum daraus gelernt. Wir haben Verträge abgeschlossen, Parteien gegründet und Herrscher gestürzt. Wir denken kritisch und doch nur in eine Richtung. In die Falsche?
Wir haben Krisen überwunden und Länder wieder aufgebaut und immer war es laut, irgendwo auf der Welt. Immer hat ein Kind um Hilfe geschrien, eine Frau ihren gefallenen Mann beweint oder ein Soldat geschossen. Heute werden Gottesworte falsch ausgelegt. Heute wird gekämpft, um seine Meinung zu vertreten. Warum nicht diskutieren?
Heute forschen wir und werden doch nicht schlauer. Wir erfinden mehr Technik, wir entdecken die Medizin und wenden trotzdem vieles in den falschen Bereichen an. Heute wird lieber eine neue Chemikalie für eine Bombe ausprobiert, anstatt einen neuen Denkansatz zur Bekämpfung von Krebs zu entwickeln. Warum Leben retten, wenn man sie zerstören kann?
Heute ist das Resultat von gestern und der Grundstein für morgen. Heute sehen wir eine kaputte Welt, und es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, wir reparieren oder vernichten sie morgen. Nicht die Welt muss sich ändern, wir müssen uns ändern. Die Welt ist auf uns angewiesen und erduldet jeden Tag aufs Neue unsere gierigen Hände, die nach mehr Lebensraum und neuen Bodenschätzen greifen. Müssen wir nicht fürchten, dass sie uns irgendwann aufgibt, uns irgendwann fallen lässt, weil wir eine zu große Last sind?
Heute ist alles selbstverständlich. Arm und Reich, das ist nun mal so. Die Brücke dazwischen wird schon irgendjemand irgendwann mal bauen. Wir entziehen uns der Verantwortung. Wir schieben alles auf und erledigen nichts. Wir reden nicht. Kommunikation geht verloren, Gedanken äußert man mit Gewalt, Reaktionen mit Leid. Heute ist nicht meins, sondern das der anderen, es sei denn, heute war ein guter Tag, dann ist es mein Verdienst. Heute sind wir alle. Heute trägt jeder Verantwortung. Heute ist ein neuer Tag, um wieder gut zu machen, was gestern passiert ist. Heute ist kaputt genug.
Heute haben wir fast alles – falsch gemacht?

Emily Kósa, 2017